Experteninterview: Aussichtsplattform Uetliberg

Den Überblick behalten mit…der Versicherungsexpertin: Die Auswirkungen einer Pandemie auf die Mobilität

  • 20.08.2020
  • Amelia L.
  • Lesedauer: 4 min.

Es ist wieder an der Zeit, mit einer Fachperson den Uetliberg zu besteigen und uns einen Überblick zu verschaffen. Dieses Mal dabei: Sandra Best, Versicherungsexpertin bei FinanceScout24, und ihre Einschätzungen zum Mobilitätsbedürfnis der Schweizer Bevölkerung während und nach Corona.

Sandra, hat sich das Mobilitätsbedürfnis der Bevölkerung während der Corona-Pandemie verändert?

Ja, sehr sogar: Als der Bundesrat im März die ‘ausserordentliche Lage‘ erklärte und das öffentliche Leben weitgehend einschränkte, brach auch die Nachfrage nach Autoversicherungen ein und war um fast ein Viertel tiefer als am Jahresanfang. Das lässt sich damit begründen, dass zu Beginn des Lockdowns niemand wusste, wie lange diese Ausnahmesituation andauern würde – die Menschen hatten schlichtweg andere Probleme und Sorgen. Da verliert ein Auto zwangsläufig an Priorität.

So ist es aber nicht geblieben?

Ganz im Gegenteil, wir verzeichneten im Mai etwa 50 % mehr Anfragen für Autoversicherungen als im März. Das ist einerseits saisonbedingt, da die Leute im Frühling für gewöhnlich motiviert sind, neue Fahrzeuge zu kaufen und die Händler mit tollen Aktionen aufwarten. Des Weiteren hat natürlich auch der Autohandel in den vergangenen Monaten stark gelitten und die Fahrzeugpreise sind teilweise markant gefallen. Diese Gelegenheit haben viele genutzt und sich endlich den Wunsch nach einem neuen Auto oder Motorrad erfüllt.

Nicht zuletzt haben sicherlich auch die ersten Lockerungen im Mai zu einem noch grösseren Bedürfnis, wieder mobil und flexibel zu sein, geführt. Aber der Respekt vor einer Ansteckung schreckte viele ab, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Die Alternative war, sich ein eigenes Fahrzeug zuzulegen. So bleibt man mobil, exponiert sich jedoch nicht in grossen Menschenansammlungen.

Durch das Bedürfnis, gleichzeitig mobil und dennoch vor Menschenmengen mit erhöhten Ansteckungsrisiken geschützt zu sein, hat die Bedeutung eines eigenen Autos wieder deutlich zugenommen.

Sandra Best, Versicherungsexpertin bei FinanceScout24

Wer hat sich denn speziell dafür interessiert? Konntet ihr da einen Trend feststellen?

Eine auffällige Zunahme der Nachfrage haben wir bei Frauen ab 65 Jahren verzeichnet – dort waren es im Mai über 80 % mehr als noch im Vormonat. Diese Zunahme scheint auf den ersten Blick bemerkenswert, ist aber eigentlich logisch erklärbar.

Sie gehören zur Corona-Risikogruppe?

Genau. Sobald die Massnahmen gelockert wurden, zog es auch viele ältere Personen wieder nach draussen – aber da sie natürlich immer noch zur Risikogruppe gehören, müssen sie den öffentlichen Verkehr und dichtes Gedränge an Bahnhöfen weiterhin vermeiden. Was machst du also, wenn du in Zürich wohnst und in Arosa wandern gehen willst? Solange die ÖV tabu sind, bleibt ja eigentlich nur noch das Auto als Alternative.

Also generell gesagt: Weniger ÖV und mehr Privatfahrzeuge – ist das nicht eine etwas fragwürdige Entwicklung? In den letzten Jahren hiess es doch immer, man solle auf das Auto verzichten?

Ja und nein. Einerseits ist eine solche Entwicklung natürlich etwas konträr zur aktuellen Klimadebatte. Allerdings muss man hier differenzieren: Ein privates Fahrzeug ist ja nicht automatisch ein Auto. Auf der Kleinanzeigenplattform anibis.ch haben zum Beispiel die Suchanfragen nach Fahrrädern um 200 % zugenommen – und gerade mit einem E-Bike legt man eine Strecke, für die man früher üblicherweise das Tram genommen hat, wahrscheinlich sogar schneller zurück.

Des Weiteren werden bereits Konzepte getestet, wie der Verzicht auf ein privates Auto gefördert werden kann. So hat zum Beispiel die deutsche Stadt Augsburg gegen Ende 2019 eine Art Flatrate-Abo für den öffentlichen Nahverkehr eingeführt. Das funktioniert vom Prinzip her ähnlich wie das Generalabonnement der SBB oder regionale U-Abos, geht aber noch einen Schritt weiter: Neben Bus, Tram und Bahn sind auch Carsharing und Leihräder inkludiert. Die Idee ist, dass alle Angebote vereint verfügbar sind und die Nutzer ihre Reisen einfacher und flexibler planen können, ohne ein eigenes Auto zu brauchen. Wie sich die Pandemie auf die Umsetzung auswirkt, ist natürlich noch unklar, aber deutsche Experten sehen in dem Projekt durchaus ein Modell für die Zukunft – und wenn es von Erfolg gekrönt ist, kann es ja auch für uns interessant werden.

Trotzdem bleibt ein eigenes Auto für viele ein Muss.

Das ist so, aber auch hier gibt es ja inzwischen klimafreundliche Lösungen wie Elektro- und Hybrid-Autos – und die schonen nicht nur die Umwelt, sondern auch das Portemonnaie, da sie oftmals von Vergünstigungen bei den Versicherungen und den Motorfahrzeugsteuern profitieren. Das erkennen offenbar auch immer mehr, denn eine Auswertung von AutoScout24 hat ergeben, dass heute rund 17 Mal häufiger nach Autos mit elektronischem Antrieb gesucht wird als noch vor fünf Jahren. Und wenn man noch weiter zurückblickt, wird die Zahl sogar noch deutlicher: Laut Bundesamt für Statistik waren 2019 mit über 28‘000 Elektroautos 38 Mal mehr immatrikuliert als noch im Jahr 2000. Da kann man also durchaus von einer Trendwende sprechen.

Absolut – vielen Dank für diese spannenden Ausführungen.

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